2. November

Dienstag 1993   Samstag 2013
Ich stand zum Mittagessen auf. Danach rief Grünwald an und fragte wegen Proben heute um 4 Uhr. Mir stank das sehr, aber ich konnte nicht Nein sagen. Um vier Uhr trank ich mit Marc ein Hefeweizen im Proberaum. Dann kamen die Blödkröten, von denen es keiner richtig blickt. Ich spielte viel Scheiß und um halb sieben gingen sie wieder. Ich ging zu Marc, um mich dort nass zu rasieren[1], aber dann kam seine Mutter und wir machten es im Proberaum. Ich hatte den ganzen Tag kurze Hosen an. (Es schien die Sonne und es war 8°C „warm“.) Ich zog mich um, machte ein Schwänzchen[2] und dann gingen wir Pizza essen. Ich hatte eine Paprika Pepperoni Pizza und Marc Spaghetti Bolognese. Danach gingen wir wieder in den Proberaum. Wir sprachen zuerst über Ingrid, die zurzeit blöd ist und Marc verarscht. Er weiß nicht mehr, woran er ist und bekommt einen richtigen Hass auf sie. Anna sieht wirklich gut und süß aus. Dann sprachen wir über den Bildungsstand der Hauptschüler und wie viele Fadenheimer, de „stolz“ sind Fadenheimer zu sein, aufs Gymnasium gehen. Wir wurden depressiv, weil wir erkannten, dass wir zu einer Minderheit gehören, die von Hauptschülern umgeben ist und wir dagegen nichts ausrichten können. Wir beschlossen, so weiterzuleben wie bisher und unsere „Augenklappen“ wieder aufzusetzen. Was soll man auch machen?   Ich brauche ein Ziel, ja, der Sisyphos braucht ein Ziel, er muss den Stein den Berg hoch tragen, und auch wenn es sinnlos ist, er braucht diese Aufgabe, ich brauche diese Aufgabe auch und wenn der Stein oben ist, dann rutscht er wieder runter und dann kann ich wieder von vorne anfangen und auch schon früher habe ich das gemacht und dann habe ich Mathe studiert und den Stein mit dem Abschluss auf den Berg getragen, und habe den Abschluss geschafft und gebracht hat das alles nichts, nein, so kann man das nicht sagen, es scheint manche Menschen zu beeindrucken, wenn ich sage, dass ich mein Mathestudium abgeschlossen habe, und was ich vielleicht noch machen könnte, das wäre meine angefangene Dissertation abschließen, aber das macht einen nicht zu einem besseren Menschen, das ist vollkommen irrelevant und man trägt die Steine auf den Berg, sie fallen wieder runter, wichtig ist nur, dass man während des Steinetragens glücklich sein kann, egal, aus was das Steinetragen besteht, manche gründen Familien und bauen Häuser, vielleicht rutscht da der Stein nicht gleich wieder den Berg runter, vielleicht fühlt sich das dauerhafter an, als hätte man wirklich etwas erreicht, Spuren hinterlassen, einen Baum gepflanzt, ein Kind in die Welt gesetzt und ein paar Menschen glücklich gemacht, trotzdem rutscht der Stein auch da wieder den Berg runter, und man kann nichts dagegen machen, da steht man daneben und sieht dem Stein zu und rutscht womöglich noch aus und liegt im Schlamm und rutscht genauso den Berg runter und man muss sich dieses ganze Zeug als spaßig vorstellen, die Rebellion gegen die Absurdität ist, dass man dabei Spaß hat.[3]

 

 



[1] Die Schläfen

[2] Pferdeschwanz

[3] Auch Camus

Ein Gedanke zu “2. November

  1. ABER man rutscht nicht immer allein und der Stein trägt sich irgendwann leichter den Berg hoch zusammen UND manchmal wird man getragen.

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